einhundertsiebenundsechzig Worte
Wann es passierte, kann niemand genau sagen, doch eine Studie ergab, dass sich nur noch wenige Menschen in die Augen sehen. Auch wissen die allermeisten nicht, so die Studie, dass Augenfarben von Mensch zu Mensch verschieden sind. Um die gegenseitige Wahrnehmung und den Augenkontakt zu fördern, entschied die Wortvergabestelle, jeder Person ein exaktes Wortkontingent zuzuweisen: einhundertsiebenundsechzig Worte pro Tag.
Wenn mich heute jemand anspricht, sehe ich ihm in die Augen und warte. Im Restaurant deute ich wortlos mit dem Finger auf die Speisekarte. Nicken und Zwinkern als Aufmunterung, Begrüßung, Zustimmung, Ärger, Freude funktionieren inzwischen gut.
Ich notiere Augenfarben: Braun, Blau, Grau, Grün, pigmentiertes Grün, Graublau und denke an deine Augen, so tief, so klar, ein Meer an Blau, denke daran, wie weit wir voneinander entfernt leben.
Spät abends rufe ich dich an und sage hastig: ich habe nur sechsundfünfzig gebraucht. Den Rest habe ich für dich aufgehoben
du antwortest nicht und ich weiß, du hast sie alle aufgebraucht
und so flüstere ich langsam und leise Ich liebe dich
einmal, zweimal, …dreiunddreißigmal
danach Stille
nur braun und blau
zwei Augenpaare
in der Nacht